Die Geschichte vom Bambus

Hsü Wei 001
Xu Wei [Public domain], via Wikimedia Commons

In einem großen Garten wuchs ein Bambusbaum. Von Jahr zu Jahr wurde er kräftiger und schöner. Der Herr des Gartens hatte seine Freude an ihm. Eines Tages aber blieb er vor ihm stehen und sagte: „Lieber Bambus, ich brauche Dich!“ Der Baum antwortete: „Herr, ich bin bereit, gebrauche mich, wie du willst.“ Die Stimme des Herrn wurde ernst: „Um dich zu gebrauchen, muss ich dich beschneiden.“ Der Baum erzitterte. „Mich beschneiden? Deinen schönsten Baum im Garten? Nein bitte, das nicht, bitte nicht! Verwende mich doch zu deiner Freude, Herr. Aber beschneiden!“ Der Herr sagte noch ernster: „Wenn ich dich nicht beschneide, kann ich dich nicht gebrauchen.“ Im Garten wurde es ganz still. Der Wind hielt den Atem an. Langsam beugte der Bambus seinen herrlichen Kopf und sagte leise: „Herr, wenn du mich anders nicht gebrauchen kannst, dann beschneide mich!“ Doch der Herr fuhr fort: „Mein geliebter Bambus, ich werde dir auch Deine Blätter und Äste abschneiden!“ „Ach, Herr! Davor bewahre mich. Zerstöre meine Schönheit, aber lass mir bitte Blätter und Äste!“ „Wenn ich sie dir nicht abschneide, kann ich dich nicht gebrauchen!“ Die Sonne versteckte ihr Gesicht. Ein Schmetterling flog ängstlich davon. Bis ins Mark getroffen, flüsterte der Bambus: „Herr schlag sie ab!“

„Mein geliebter Bambus, ich muss dir noch mehr antun. Ich muß dich mitten durchschneiden und dein Herz herausnehmen. Wenn ich das nicht tue, kann ich dich nicht gebrauchen!“ Da neigte der Bambus sich bis zur Erde: „Herr, schneide und teile.“

So schnitt der Herr des Gartens den Bambus. Er hieb seine Äste ab, streifte seine Blätter fort, teilte ihn in zwei Teile und schnitt sein Herz heraus. Dann trug er ihn mitten durch die trockenen Felder in die Nähe einer Quelle. Dort verband er mit dem Bambusstamm die Quelle mit der Wasserrinne im Feld. Das klare, glitzernde Wasser schoss durch den zerteilten Körper des Bambus in den Kanal und floss auf die dürren Felder, um eine reiche Ernte möglich zu machen.

So wurde der herrliche Bambus zum großen Segen, als er gebrochen und zerschlagen war.

[Erzählung aus China]


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