Kirche St. Prokulus, Naturns in Südtirol …

„Ein Besuch in einer der faszinierenden Urkirchen
des alten Österreich“ – von Dr. Hannes Eder

Foto: Dietrich Krieger [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)],
via Wikimedia Commons

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Vor Weihnachten 2010, anlässlich einer Adventfahrt nach Südtirol, gab es ein Wiedersehen mit der Kapelle des hl. Bischofs Prokulus aus Verona, die im 7. Jahrhundert im heutigen Ort Naturns (damals Diözese Säben, später Diözese Brixen, heute Diözese Bozen-Brixen) erbaut wurde und mitten in Obstgärten in einem atemberaubenden Gebirgspanorama steht. Einem weiteren Veroneser Bischof, dem Hl. Zeno, ist die Dorfkirche des Ortes geweiht. Die Prokuluskapelle ist im Stile der bairischen Holz- und Steinkirchen dieser Zeit erbaut und weist einen quadratischen Grundriß auf, der seinerseits auf einer frühchristlichen Kirche des 5. Jahrhunderts ruhen soll.

Das Berührende dieses kleinen Gotteshauses ist die Malerei im Inneren. Die Reste davon machen die Berühmtheit dieser Kapelle/Kirche aus. Sie sind in der Art der „Biblia Pauperum“, der Bibel der Armen, geschaffen und angeordnet und zeigen über 100 Themen aus der Heiligen Schrift, aber auch aus der frühen (Kirchen-) Geschichte dieses Raumes.

Es gab in spätrömischer Zeit bereits Diözesen, wie etwa Verona, mit lokalen Bischöfen. Zwei davon, nämlich die zuvor genannten und historisch nachweisbaren Zeno und Prokulus erlangten eine gewisse Bedeutung, denn zu ihrer Regierungszeit gab es das Mailänder Edikt noch nicht, die Christen befanden sich daher noch inmitten der Illegalität in einem römischen Kaiserreich, dessen Gott der Kaiser selber war. Die Auswirkung dieser Rechtslage kann man heute noch als Wandmalerei auf der Südseite des quadratischen Innenraumes erkennen.

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Foto: By Dietrich Krieger (Own work) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Der römische Statthalter hat die Bischöfe Zeno und/oder Prokulus aus Verona vertrieben, so dass sie die Stadt zur Rettung ihrer Haut heimlich und eiligst verlassen mussten; historische Dokumente dafür liegen vor. Das geschah offenbar über die Stadtmauer und mit Hilfe von Stricken. Daran ließ man den Bischof – heute weiß man, dass es nicht der hl. Paulus, sondern mit einiger Sicherheit der hl. Prokulus war – herunter und verhalf ihm so zur lebensrettenden Flucht. Trotz mittelalterlicher und neuzeitlicher Übertünchung und ständiger Wasserschäden ist diese Darstellung, dank fachmännischer Restaurierung (Bundesdenkmal Wien in den 1920-iger Jahren und italienischer Universitäten) noch erstaunlich frisch erhalten. Rechts von dem Fresko sieht man eine Gruppe von Zusehern – Männern und Frauen (diese allerdings erst in der zweiten Reihe!), die den Heiligen erwarten, um ihn in eine neue Existenz zu begleiten, was die hohe Bedeutung des Mannes unterstreicht. Die Fresken in dieser Kirche sind nach Meinung von Kunsthistorikern die am besten erforschten, und die Erkenntnisse, die laufend hinzukommen, füllen bereits viele Bände. Schon von außen, wenn man hinzutritt, nehmen einem die Außenfresken den Atem und man ist schon vor dem Eintritt feierlich gestimmt.

Unbedingt empfehlenswert ist – anläßlich eines Besuches des 10 km westlich von Meran entfernt liegenden Kirchleins -, sich der Führung einer sehr wissenden und aus dem Glauben erklärenden Dame zu versichern. Denn dieses Kleinod und Zeugnis des tiefen Glaubens unserer Vorgänger verdient alle Aufmerksamkeit, entbehrt auch nicht eines gesunden Witzes in der Darstellung und rührt wegen seiner Natürlichkeit und großen Ernsthaftigkeit.
Man nehme sich ausreichend Zeit für diese Sensation. Ebenso für das nebenan befindliche Museum, in dem die kunstvoll abgenommenen romanischen Fresken der späteren Zeit neu aufgestellt sind und ebenfalls durch eine überaus kompetente Führerin nahegebracht werden. Die neuerliche Begegnung mit dem Prokulus Kirchlein hat wieder begeistert, wie bei den ersten Malen.

Literatur zu Einstimmung: Der Kirchenführer
Hans Nothdurfter, St. Prokulus in Naturns, Tappeiner Verlag, Lana (BZ), Italien
Tel.: 0039 0473 56 36 66 // E-mail: info@tappeiner.it

Im Internet: www.naturns.it

Infos: Prokulus Museum
Prokulusstr. – 39025 Naturns
info@prokulus.org – www.prokulus.org


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