Das Gebet des Hirten

Ein Viehhirte ...
Hirte mit Wasserbüffeln / Shepherd with waterbuffaloes, Republic of Georgia von Henning(i) bei Flickr
Grafik: Herbert Schalk

Ein Viehhirt wusste nicht, wie man beten soll. Tag für Tag sprach er nur so: „Herr der Welt, offen und bekannt ist dir: Wenn du Vieh hättest und du gäbst es mir zum Hüten, der ich für alle um Lohn hüte, – für dich würde ich es umsonst hüten, denn ich liebe dich!“

Eines Tages kam ein Gelehrter vorbei und hörte, wie der Hirte betete. Er sprach zu ihm: „Du Narr, so kann man doch nicht beten!“ Da antwortete der Hirte: „Wie soll ich denn beten?“ Und sogleich lehrte ihn der Gelehrte die wichtigsten Gebete, die Segenssprüche, das „Höre Israel“ und das Gebet für jeden Tag.

Zufrieden ging der Gelehrte wieder seinen Weg. Nach einiger Zeit aber erschien ihm eine Stimme im Traum, die zu ihm sprach: „Wenn du nicht sofort zum Hirten gehst und ihm sagst, er soll sprechen wie er gewohnt war, ehe du zu ihm kamst, soll Böses dich treffen, denn du hast mir einen geraubt von der kommenden Welt.

Gleich am nächsten Tag machte sich der Gelehrte auf. Er ging zum Hirten und fragte ihn: „Was betest du nun?“ Der Hirte aber antwortete: „Nichts, denn was du mich gelehrt hast, habe ich vergessen. Und ich fürchtete mich zu sagen: ‚Wenn du Vieh hättest …‘, weil du es mir verboten hast.“ Da erzählte ihm der Gelehrte, was ihm im Traum gesagt worden war.

Und darum geht es: Hier wollte einer das Gute tun, und es wurde ihm gelohnt wie eine große Tat. Denn: „Der Barmherzige will das Herz.“ Darum denke der Mensch gute Gedanken zum Heiligen hin, gesegnet sei Er.

Jüdische Legende


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